Statistiken zu den Beitrittskandidaten der EU-Erweiterung

Die Europäische Union (EU) ist ein aus den Europäischen Gemeinschaften (EG) hervorgegangener Staatenverbund. Seit dem Beitritt von Kroatien im Juli 2013 gehören 28 Länder zur EU. Durch den EU-Austritt Großbritanniens (Brexit), der am 29. März 2019 erfolgen wird, verringert sich die Anzahl der Mitgliedsstaaten zunächst auf 27 Länder. Im Zuge der EU-Erweiterung wird sich die Anzahl der EU-Mitgliedsstaaten aber mittel- bis langfristig wieder erhöhen.
Allgemein wird durch den EU-Vertrag (Vertrag von Maastricht) jedem europäischen Land das Recht eingeräumt der Europäischen Union beitreten zu können, insofern das Land einen Beitrittsantrag stellt, dieser positiv beschieden wird und das Land den Kandidatenstatus erhält. Der Prozess des EU-Beitritts verläuft grob in drei Phasen: Anerkennung des offiziellen Kandidatenstatus; Eintritt in die formellen Beitrittsverhandlungen; Abschluss der Beitrittsverhandlungen und Ausfertigung des Beitrittsvertrages. Der Beitrittsvertrag wird durch die Europäische Kommission und dem Beitrittskandidat entworfen und muss vom EU-Rat sowie dem Europäischen Parlament positiv beschieden werden. Im Anschluss muss der Vertrag von jedem EU-Mitgliedsstaat unterzeichnet und ratifiziert werden. Es gilt das Einstimmigkeitsprinzip - nur wenn alle Mitgliedsstaaten dem Vertrag zustimmen, wird der Beitrittskandidat in die Europäische Union aufgenommen.

Konkret werden derzeit sieben Staaten als EU-Beitrittskandidaten gezählt: Albanien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und die Türkei sind offizielle Beitrittskandidaten. Sie haben einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt, der jeweils durch die europäischen Institutionen positiv beschieden wurde und im Anschluss den offiziellen Status als Beitrittskandidat verliehen bekommen. Montenegro, Serbien und die Türkei befinden sich bereits in laufenden Beitrittsverhandlungen, diesen Status haben Albanien und Mazedonien noch nicht erreicht.
Bosnien und Herzegowina und der Kosovo sind bisher nur "potenzielle Beitrittskandidaten" und befinden sich noch einige Schritte hinter Albanien und Mazedonien im Gesamtprozess Richtung EU-Mitgliedschaft. Bosnien und Herzegowina hat einen Antrag auf Mitgliedschaft gestellt, der jedoch noch nicht positiv beschieden wurde. Der Kosovo hat noch den längsten Weg zur EU-Mitgliedschaft vor sich, da er bisher von diversen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (EU) nicht als unabhängiger Staat anerkannt wird.

Die derzeitigen EU-Beitrittskandidaten werden geographisch Südosteuropa (die Türkei nur teilweise) zugeordnet. Mit einer Gesamtbevölkerung von rund 80,8 Millionen Einwohnern weist die Türkei die größte Bevölkerung der EU-Beitrittskandidaten auf; Montenegro mit rund 620.000 Einwohnern die kleinste (2018). Wären die Kandidatenländer bereits Mitglieder der Europäischen Union, würde die Türkei mit rund 13,2 Prozent den zweithöchsten Anteil an der Gesamtbevölkerung der Europäischen Union (EU) nach Deutschland aufweisen. Montenegro würde hingegen mit rund 0,1 Prozent, zusammen mit Luxemburg, den zweitgeringsten Anteil an der Gesamtbevölkerung aller EU-Staaten aufweisen. Während die Bevölkerungsentwicklung in der Türkei positiv ist und mit rund 1,25 Prozent gegenüber dem Vorjahr zunahm, hat sich die Gesamtbevölkerung Serbiens um rund 0,55 Prozent gegenüber dem Vorjahr verringert (2018). Sowohl die Türkei (2,07 Kinder je Frau) als auch der Kosovo (2,02 Kinder je Frau) weisen vergleichsweise hohe Fertilitätsraten auf (2018), während die Fertilitätsrate von Bosnien und Herzegowina mit rund 1,38 Kindern je Frau eine der niedrigsten Fertilitätsraten weltweit ist. Die Kindersterblichkeit in den Kandidatenländern (2017), also die Wahrscheinlichkeit eines Kindes vor der Erreichung des 5. Lebensjahres zu sterben, liegt zwischen 1,37 Prozent in Normazedonien und 0,35 Prozent in Montenegro (EU-Durchschnitt 0,41 Prozent). Die Altersstruktur der EU-Beitrittskandidaten stellt sich recht unterschiedlich dar: Der Kosovo hat eine junge Gesellschaft. Im Jahr 2017 waren 25 Prozent der Bevölkerung unter 14 Jahre alt (EU-Durchschnitt: 15,6 Prozent). In Bosnien und Herzegowina besitzen die unter 14-Jährigen dagegen nur einen Anteil von rund 14,2 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Das höchste Durchschnittsalter (Altersmedian) unter den EU-Beitrittskandidaten weist im Jahr 2018 die serbische Gesellschaft mit rund 43,5 Jahren auf (EU-Durchschnitt: 43,5 Jahre). Auf der anderen Seite beträgt der Altersmedian im Kosovo rund 29,1 Jahre - das Land würde derzeit die jüngste Gesellschaft unter den Mitgliedsstaaten der Europäischen Union aufweisen.

Die EU-Beitrittskandidaten erwirtschafteten 2018 zusammen ein Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 845 Milliarden Euro. Die Türkei ist mit einem BIP von rund 753,9 Milliarden Euro die größte Volkswirtschaft der Erweiterungsländer, Montenegro mit einem BIP von rund 4,3 Milliarden Euro die kleinste. Einen Teil des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts generierten die Beitrittskandidaten in Form von Rücküberweisungen der im Ausland lebenden Staatsangehörigen. Der Kosovo erwirtschaftete rund 15,6 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts durch Rücküberweisungen (2017); nur für die türkische Volkswirtschaft ist die Bedeutung der Rücküberweisungen mit 0,1 Prozent des BIP, marginal. Die Türkei hat mit rund 9.446 Euro zwar das höchste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf unter den Beitrittskandidaten (2018), wäre die Türkei aber bereits Mitglied der Europäischen Union, würde sie das zweitgeringste Bruttoinlandsprodukt pro Kopf der EU-Mitgliedsstaaten aufweisen. Allerdings verzeichnen die EU-Beitrittskandidaten allesamt stabile oder hohe Wachstumsraten. Im Jahr 2018 erzielte Bosnien und Herzegowina mit circa 2,6 Prozent die geringste Wachstumsrate des BIP unter den Beitrittskandidaten; die Türkei mit rund 4 Prozent die höchste. Auch der Ausblick bleibt positiv: Laut Prognosen wird das Wirtschaftswachstum der Beitrittskandidaten im Jahr 2019 zwischen 2,7 Prozent (Bosnien und Herzegowina) und 4,2 Prozent (Albanien) liegen.
Die Arbeitslosenquoten in den Beitrittsländern sind hoch (Türkei: circa 10,9 Prozent in 2018) bis sehr hoch (Kosovo: 30,3 Prozent in 2017). Auch die Jugendarbeitslosigkeit ist ein gravierendes Problem: In Bosnien und Herzegowina betrug die Jugendarbeitslosenquote im Jahresdurchschnitt 2017 circa 54,9 Prozent. Dies entspricht einer wesentlich höheren Jugendarbeitslosenquote als in dem EU-Mitgliedsstaat Griechenland, das die höchste Jugendarbeitslosenquote der Europäischen Union aufweist. Die Inflationsraten der EU-Beitrittskandidaten lagen 2018 zwischen 1,1 Prozent im Kosovo und rund 2,6 Prozent in Montenegro. Nur die Türkei weist eine sehr hohe Inflationsrate auf. Mit einer Teuerungsrate von rund 16,3 Prozent hat die Türkei eine der höchsten Inflationsraten weltweit. Bleiben die Teuerungsraten auf diesem Niveau, ist nicht damit zu rechen, dass sich das Preisniveau für Verbrauchsgüter und Dienstleistungen schnell dem EU-Durchschnitt angleicht. Im Jahr 2018 lag der Preisniveauindex Montenegros bei rund 56 Prozent, d.h. die Verbraucherpreise waren dort etwa 44 Prozent niedriger als im EU-Durchschnitt. Dies entspricht in etwa dem Preisniveau des EU-Mitgliedstaates Polen.

Unabhängig vom Beitrittsstatus sind alle Beitrittskandidaten der EU-Erweiterung bereits gegenwärtig wirtschaftlich eng mit der Europäischen Union verbunden. Der Großteil der Ausfuhrgüter aus den EU-Erweiterungsländern wird in die Europäische Union exportiert, wie auch der Großteil der Einfuhrgüter aus den Staaten der EU importiert wird. Für die Türkei, Montenegro und Serbien spielt der Extra-EU-Handel, also der Handel mit Staaten, die nicht der EU angehören, zwar teilweise eine etwas größere Rolle, aber der Handel mit den EU-Staaten ist dennoch auch in diesen Ländern bedeutend. Dies lässt sich nicht zuletzt an den Handelsbilanzen der EU-Beitrittskandidaten ablesen. Kein Beitrittskandidat erzielte im Jahr 2018 einen Handelsbilanzüberschuss, aber alle Beitrittskandidaten erzielten jeweils ein höheres Handelsdefizit mit den Extra-EU-Handelspartnern.

Gemäß der EU-Konvergenzkriterien (Maastricht-Kriterien) darf grundsätzlich die Staatsverschuldung die Grenze von 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschritten werden. Während die Staatsverschuldung der Beitrittskandidaten Serbien (circa 54,3 Prozent), Nordmazedonien (circa 39,5 Prozent), Bosnien und Herzegowina (circa 37 Prozent), der Türkei (circa 29,05 Prozent) und des Kosovo (circa 17 Prozent) diese Grenze größtenteils deutlich unterschreiten, liegt die Staatsverschuldung in Montenegro (72,1 Prozent) und Albanien (68,6 Prozent) über dieser Vorgabe (alle 2018).
Ein weiteres EU-Konvergenzkriterium ist die Begrenzung des Haushaltssaldos auf maximal drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis auf Montenegro, dessen Haushaltsdefizit in 2018 circa 6,2 Prozent des BIP betrug, lag das Haushaltssaldo der EU-Beitrittskandidaten unter dieser Zielvorgabe bzw. würde diese nur geringfügig verfehlen.

Die Europäische Union versteht sich nicht als reine Wirtschaftsgemeinschaft sondern unabdingbar auch als Wertegemeinschaft, dessen Mitglieder Werte und Ziele wie die Friedensicherung, Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte, Gleichstellung sowie Meinungs- und Pressefreiheit (u.a.) achten und fördern sollen.

Die Platzierung der Beitrittskandidaten nach dem Bertelsmann Transformationsindex (BTI) 2018 zeigt in dieser Hinsicht insgesamt keine positive Entwicklung in den Beitrittsstaaten auf. Während sich die Platzierungen von Albanien, Montenegro und Serbien leicht verbesserten oder stagnierten, hat sich die Qualität von Demokratie, Marktwirtschaft und politischem Management in Mazedonien, Bosnien und Herzegowina und insbesondere der Türkei verschlechtert. Die Türkei belegte 2016 noch Platz 23 von insgesamt 129 Transformationsländern weltweit und verschlechterte sich im Ranking 2018 auf Platz 51. Alle Beitrittskandidaten sind zwar im Ranking der 10 europäischen Länder mit dem niedrigsten Entwicklungsstand von Demokratie und Marktwirtschaft vertreten, aber in Relation zum Ranking der 10 Länder mit dem niedrigsten Entwicklungsstand weltweit, befinden sich die Beitrittskandidaten insgesamt bereits auf einem hohen Entwicklungsniveau.
Die Entwicklung der Rechtsstaatlichkeit der EU-Beitrittskandidaten nach dem Fragile States Index 2019 zeichnet ein differenziertes Bild: Auch hier wird die Entwicklung der Türkei negativ bewertet, aber das Risiko eines Staatszerfalls (failed state) ist bei den übrigen Beitrittskandidaten tendenziell gesunken.
Hinsichtlich der Entwicklung der Pressefreiheit bei den EU-Beitrittskandidaten zeigen sich im Verlauf der Jahre 2015 bis 2019 keine signifikanten Veränderungen der jeweiligen Staaten - die Pressefreiheit ist bei allen Staaten schwach ausgeprägt, wenn auch im Vergleich untereinander gravierende (Bosnien und Herzegowina belegt Platz 63 von 180 Staaten weltweit; die Türkei Platz 157) Unterschiede bestehen.

Interessante Statistiken

In den folgenden 4 Kapiteln finden Sie schnell zu den wichtigsten 39 Statistiken aus dem Thema "EU-Erweiterung".

Beitrittskandidaten der EU-Erweiterung

Dossier zum Thema

Alle wichtigen Statistiken redaktionell aufbereitet - direkt downloadbar als PPT & PDF!
TOP SELLER

Wichtige Kennzahlen

Die wichtigsten Kennzahlen liefern Ihnen eine kompakte Zusammenfassung des Themas "EU-Erweiterung" und bringen Sie direkt zu den zugehörigen Statistikseiten.

Wirtschaft

Staatsfinanzen

Demokratie und Rechtsstaatlichkeit

Sie haben noch Fragen?

Sie haben noch Fragen?

Kontaktieren Sie uns schnell und einfach.
Wir helfen Ihnen gern!

Kontaktieren Sie uns schnell und einfach.
Wir helfen Ihnen gern!

Möglichkeiten der Kontaktaufnahme

Nutzen Sie gern unser Kontaktformular oder unsere FAQ.
Alternativ können Sie sich auch direkt an unseren Kundenservice wenden.