Textil- und Bekleidungsindustrie: Situation in Deutschland

Heinrich Heine machte „die schlesischen Weber“ und ihren Protest gegen den von neuen Fabriken ausgelösten Preisverfall durch sein gleichnamiges Gedicht aus dem Jahre 1845 unsterblich und schuf eine bis heute verstandene Chiffre für Modernisierungsverlierer. Tatsächlich bildeten die Unternehmen der Textil- und Bekleidungsindustrie historisch die Speerspitze der Industriellen Revolution. Webereien und Spinnereien waren die Labore, in denen die maschinelle Produktionsweise im Großmaßstab erprobt und umgesetzt wurde. Auch in Deutschland war die Branche der Pionier des Industrialisierungsprozesses. Aus dem historischen Textilcluster Osnabrück stammende Stoffe waren beispielsweise schon im 18. Jahrhundert als „Ozenburghs“ im atlantischen Dreieckshandel weit verbreitet.

Globale Veränderungen der Textilindustrie

Als einer der ersten Industriezweige musste sich die Textil- und Bekleidungsindustrie auch den Herausforderungen der Globalisierung stellen. Produktionsverlagerungen in das kostengünstigere Ausland – zunächst nach Südeuropa, später auch nach Süd- und Ostasien – läuteten ab den 1970er-Jahren einen Strukturwandel ein, der die Branche bis heute prägt. Die großen deutschen Bekleidungshersteller, wie zum Beispiel Adidas, Hugo Boss und s.Oliver greifen heute auf globale Lieferketten eigener und ausgelagerter Produktionsstandorte zurück. Der hohe Internationalisierungsgrad vieler Unternehmen erschwert die statistische Erfassung von Inlands- und Auslandsumsätzen. Insgesamt ist der deutsche Außenhandel mit Textilien und Bekleidung von Einfuhrüberschüssen geprägt. Die wichtigsten Importländer stellen dabei die Volksrepublik China, Bangladesch und die Türkei dar.

Strukturveränderungen der deutschen Textilindustrie

Die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie hat auf diese Entwicklung mit einer Spezialisierung auf höherwertige und technisch anspruchsvoll zu fertigende Textilien reagiert. Zusammengenommen kommen die beiden Wirtschaftszweige auf einen Umsatz von rund 16,5 Milliarden Euro im Corona-Jahr 2020. Die wichtigsten Abnehmerländer der deutschen Bekleidungsindustrie sind dabei die Nachbarländer Schweiz, Polen und Österreich.

Der Strukturwandel in Deutschland ist deutlich an der Anzahl der Betriebe und Beschäftigten abzulesen. Seit dem Jahr 2004 ist die Anzahl der Betriebe in der Textilindustrie kontinuierlich gesunken. Insbesondere während der Finanzkrise schoss die Anzahl der Insolvenzen in der Textil- und Bekleidungsindustrie in die Höhe. Die Textil- als auch die Bekleidungsindustrie sind in den wirtschafts- und bevölkerungsstarken Bundesländern Bayern, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen konzentriert. Zudem verfügen Sachsen und Niedersachsen noch über historisch gewachsene Strukturen.

Aktuelle Entwicklungen der Branche

Im Jahr 2020 beschäftigten Textil- und Bekleidungsindustrie zusammengenommen mit rund 86.000 Angestellten und Arbeitenden mehr als 37.000 Mitarbeiter:innen weniger als noch im Jahr 2006. Auch die Anzahl der Auszubildenden in der deutschen Textilindustrie ist rückläufig. Demgegenüber erfreuen sich die Studiengänge der Textil- und Bekleidungstechnik und -gestaltung eines relativ konstanten Zulaufs. Diese Fachkräfte benötigt die Industrie, um auch zukünftig im High-Tech-Segment wettbewerbsfähig bleiben zu können.

Herstellung technischer Textilien

Als relativ stabiles Segment in einem wenig dynamischen Umfeld hat sich die Herstellung technischer Textilien herausgestellt. Darunter werden Stoffe verstanden bei denen, anders als bei Textilien für z.B. Bekleidung, weniger der dekorative Aspekt als vielmehr die Funktionalität eine Rolle spielen. Darunter fallen z.B. Schutzbekleidung, Zelte, Krankenhaustextilien, Verpackungen und Dämmstoffe.

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